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01.07.2013

Mehr Lebensjahre, mehr Arbeitsjahre!

Standpunkt
von Volker Giersch


Landesregierung und Gewerkschaften haben sich kürzlich darauf verständigt, die schrittweise Erhöhung des Pensionsalters auch für saarländische Beamte einzuführen. Mit einigen Ausnahmeregelungen zwar. Aber immerhin. Es wurde auch höchste Zeit. Denn elf von 16 Bundesländern und der Bund hatten die „Rente mit 67“ zuvor bereits beschlossen und auf ihre Beamten angewendet. Eigentlich hätte man erwarten können, dass das Saarland, das in besonderem Maße unter hohen Pensionslasten leidet, zu den ersten Ländern zählt, die diese Regelung umsetzen. Aber unter Jamaika war das wohl weder gewollt noch machbar.

Für Arbeiter und Angestellte gilt die „Rente mit 67“ ja bereits seit mehreren Jahren. Sie greift erstmals für Geburtsjahrgänge ab 1949 und wurde in Zeiten der großen Koalition von Arbeitsminister Franz Müntefering durchgesetzt. Und obwohl es aus den Arbeitnehmer-Organisationen immer wieder laute Forderungen gibt, das Reformrad zurückzudrehen, ist Fachkundigen längst klar: Ein Zurück zur Rente mit 65 kann und darf es nicht geben. Deshalb nicht, weil andernfalls der Rentenanstieg noch stärker gedämpft oder die Beiträge massiv erhöht werden müssten. Und auch deshalb nicht, weil es ohne längere Lebensarbeitszeit kaum möglich wäre, den Demografie bedingten Fachkräfterückgang auch nur annähernd auszugleichen.

Genug Arbeit auch für Ältere
Die Gegner der Rente mit 67 argumentieren mit den Fakten von gestern. Sie verweisen auf die vermeintlich geringen Chancen älterer Menschen, Arbeit zu finden – die Reform sei deshalb bloß ein verkapptes Rentenkürzungsprogramm. Das ist Polemik. Zwar trifft zu, dass die Erwerbsbeteiligung der Älteren vor einem Jahrzehnt noch relativ gering war. Doch hat sich das inzwischen grundlegend geändert: Vor 15 Jahren war von den 60- bis 64-jährigen nur jeder zehnte noch in Arbeit, heute ist es fast jeder dritte. Die Zahl der beschäftigten älteren Arbeitnehmer hat sich von 500.000 auf 1,5 Millionen verdreifacht. Im Saarland hat sie sich sogar vervierfacht. Keine andere Altersgruppe verzeichnete in den vergangenen 15 Jahren einen stärkeren Zuwachs bei der Beschäftigung.

Dieser Trend wird anhalten: Deshalb vor allem, weil wir ältere Arbeitnehmer im Zuge des demografischen Wandels immer dringender auf dem Arbeitsmarkt brauchen. Nur wenn sie länger arbeiten, lässt sich ein ausreichendes Fachkräfteangebot sichern. Im Klartext: Fachkräfte, die länger arbeiten wollen, werden dies in aller Regel auch können. Längere Lebensarbeitszeiten sind aber auch nötig, um die Beiträge der aktiven Generation für die soziale Sicherung in vertretbaren Grenzen zu halten. Die Rente mit 67 ist deshalb zugleich ein notwendiger Schritt hin zu mehr Generationengerechtigkeit.

Und wohl auch nur ein erster Schritt: Nach 2030 wird das Renteneintrittsalter weiter steigen müssen, um die sozialen Sicherungssysteme finanzierbar zu halten. Das ist auch machbar. Denn die Lebenserwartung wird dank gesünderer Lebensweise, besserer Gesundheitsvorsorge und stetiger Fortschritte in der medizinischen Versorgung weiter zunehmen. Der Gewinn an gesunden Lebensjahren wird sich fortsetzen. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat sich deshalb für die Jahre ab 2030 für eine Kopplung des gesetzlichen Eintrittsalters an die Entwicklung der Lebenserwartung ausgesprochen. Auf diese Weise würde ein sich selbst stabilisierendes Rentensystem geschaffen, das die neu gewonnenen Lebensjahre ab 2030 im Verhältnis 2:1 auf die Erwerbsphase und die Ruhephase aufteilt.

Keine Frage: Mehr geistige und körperliche Fitness im Alter – das wird nicht für alle in gleichem Maße gelten. Zum einen ist die Belastung von Beruf zu Beruf verschieden. Zum anderen wird auch die Lebensweise unterschiedlich bleiben. Deshalb sind flexible Lösungen beim Übergang in die Rente wichtig. Künftig noch mehr als heute.

Beträchtliches Potenzial
Im Saarland ist es besonders dringlich, mehr ältere Menschen in Arbeit zu halten oder zu bringen. Denn der demografische Wandel fällt hierzulande deutlich stärker aus als anderswo in Westdeutschland. In nur zwei Jahrzehnten wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter – die Zahl der 20- bis 65-jährigen – um etwa ein Fünftel geringer sein als heute. Das lässt sich nur ausgleichen, wenn wir frühzeitig und energisch gegensteuern. Gut und richtig war deshalb, dass sich Landesregierung, Wirtschaftsorganisationen, Arbeitnehmerorganisationen und Arbeitsagentur bereits im Herbst 2011 auf eine gemeinsame Strategie zur Fachkräftesicherung verständigt haben. Das größte Potenzial, so der Befund, liegt darin, mehr Frauen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen – etwa durch mehr Betreuungsplätze und eine familiengerechtere Arbeitsorganisation. Das zweitgrößte Potenzial liegt in einer verlängerten Lebensarbeitszeit. Das bedeutet: Ohne die Rente und Pension mit 67 würde der demografische Wandel hierzulande schon bald zur Wachstums- und Wohlstandsbremse werden.

Entscheidend ist freilich nicht primär das gesetzliche Renteneintrittsalter, sondern das faktische. Und faktisch gehen wir Deutschen derzeit im Schnitt mit 63,5 Jahren in den Ruhestand. Vor zehn Jahren lag diese Schwelle noch bei rund 62 Jahren. Das liegt auch daran, dass die staatlichen Frühverrentungsprogramme inzwischen ausgelaufen sind – ein richtiger und wichtiger Schritt. Jetzt kommt es darauf an, Anreize für einen späteren Renteneintritt zu schaffen.

Auch Wirtschaft und Arbeitnehmer sind gefordert
Das ist freilich nicht nur Aufgabe des Gesetzgebers. Auch Wirtschaft und Arbeitnehmer sind in der Pflicht. In der Eigenverantwortung der Arbeitnehmer liegt es, das ihnen Mögliche zu tun, um körperlich und geistig fit zu bleiben. Viel Bewegung, gesunde Ernährung und lebenslanges Lernen heißen die wichtigsten Stichworte. Die Arbeitnehmerorganisationen wollen und sollten hier eine motivierende und unterstützende Rolle wahrnehmen. So zumindest ist es in der gemeinsamen Strategie vorgesehen.

Aber auch die Unternehmen sind gefordert. Sie müssen künftig stärker noch als bisher auf eine gesundheitsschonende Arbeitsplatzgestaltung und auf betriebliches Gesundheitsmanagement setzen. Viele Unternehmen gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran. Andere müssen folgen – im eigenen Interesse. Zugleich gilt es, im Rahmen einer vorausschauenden Personalentwicklung Qualifizierungsangebote zu unterbreiten und möglichst auch Anreize für die Mitarbeiter zu schaffen, diese Angebote anzunehmen.

Schließlich kommt es darauf an, die Arbeit im Unternehmen so zu organisieren, dass die besonderen Fähigkeiten älterer und jüngerer Mitarbeiter bestmöglich genutzt werden. Auf den Punkt gebracht geht es darum, Teams zu bilden, in denen die Kreativität und Lernfähigkeit der Jüngeren und das Erfahrungswissen der Älteren zusammenfließen. Oder, um es wissenschaftlicher zu sagen: Die kristalline und die fluide Intelligenz sind bestmöglich zu kombinieren. Altersgemischte Teams heißt das Stichwort.

Die Erwerbschancen älterer Arbeitnehmer zu verbessern, ist bereits seit vielen Jahren Ziel der Politik in diesem Land. Im Jahre 2007 etwa haben Landesregierung, Wirtschaftsorganisationen und Arbeitnehmerorganisationen sich auf einen Pakt für ältere Arbeitnehmer verständigt. Damals lag der Fokus vor allem darauf, die Arbeitsmarktchancen älterer Menschen zu verbessern und die überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit in diesem Bereich abzubauen. Heute geht es zusätzlich darum, ältere Arbeitnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen und fit zu halten, weil wir sie in den nächsten Jahren dringend als Fachkräfte brauchen.

Kompetenzcenter Ü55 hilft mit Information und Rat
Mit diesem Ziel wurde im Jahr 2011 bei der ZPT das „Kompetenzcenter Ü55“ eingerichtet – auch als Plattform für gemeinsame Initiativen. Die Landesregierung trägt die Personalkosten, die IHK stellt die Räumlichkeiten für Büro und Veranstaltungen zur Verfügung. Partner sind zudem die VSU, die Handwerkskammer und die Bundesagentur für Arbeit. Das zeigt: Wir gehen das Thema koordiniert und konzertiert an.

Schwerpunkte bilden dabei die individuelle Ansprache und Beratung mittelständischer Unternehmen und insbesondere auch die Vorstellung von Best-Practice-Beispielen zur Integration und Beschäftigung Älterer. Vereinbart ist zudem auch: Das Kompetenzcenter soll entsprechende Initiativen im Land koordinieren und darauf hinwirken, dass die Kräfte gebündelt werden. Es ist bisher zwar mit nur einer Mitarbeiterin besetzt, hat aber dank der Unterstützung durch die Partner-Organisationen durchaus schon eine gewisse Schlagkraft. Eine weitere Stärkung ist vorgesehen.

Zu den Impulsen, die das Center gegeben hat, zählen Maßnahmen zur gezielten Qualifikation älterer Menschen, die arbeitslos sind. Ganz konkret beginnt in Kürze ein Pilotprojekt „Seniorenausbildung“. Diese duale Ausbildung für Ältere mündet in den Berufsabschluss „Bäckerei-Fachverkäuferin/-Fachverkäufer. Ähnliches ist für andere Berufsbilder denkbar und wünschenswert. Kurzum: Ideen, Engagement und Tatkraft sind gefragt. Nur so können wir bei der Fachkräftesicherung weiter auf Erfolgskurs bleiben. Dabei sollten wir uns stets vor Augen halten: Wir müssen mehr tun als andere, weil die demografische Herausforderung hier im Land besonders groß ist. Die Zeit drängt.