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 Motiv: © vege - Fotolia.com

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Kennzahl: 17.13497
11.09.2017

Lasst die Tassen im Schrank - Diesel reloaded

Im Blickpunkt
Von Heino Klingen




Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein italienisches Modehaus seine Jeans-Kollektion auf den Namen Diesel taufte. Anfang der 90er Jahre war das. „Diesel Industry“ – mit diesem Emblem ziert das Unternehmen seitdem die Hosentaschen seiner Jeans. Mehr Huldigung für den – so Modezar Renzo Rossi – „ultimativen“ Treibstoff der modernen Welt geht nicht.
Die Hosenmarke und der Selbstzünder haben danach über ein Vierteljahrhundert eine rasante Karriere hingelegt. Doch jetzt droht ein abruptes Ende. Nicht für die Jeans. Die liegen weiterhin gut im Markt. Dem Selbstzünder soll es an den Kragen gehen. Wohlgemerkt: Nicht aus ökologischen Gründen. Unter umwelt- und klimapolitischen Gesichtspunkten ist er nämlich seinem Bruder – dem Benziner – wegen einer geringeren CO2-Belastung deutlich überlegen. Nein, aus gesundheitlichen Motiven soll der Diesel verschwinden, wenn auch zunächst nur aus unseren Innenstädten. Grund: Er belaste unsere Atemwege und zeichne für den Tod tausender Menschen verantwortlich.
Besonders in Verruf geraten sind Hotspots wie das Stuttgarter Neckartor oder die Landshuter Allee in München. Zugegeben: Die zulässigen Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub werden dort überschritten. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Wie viele der vermeintlichen NOx-Opfer haben sich wie oft und wie lange an solchen Brennpunkten aufgehalten? Und wie haben sich die großen Fortschritte bei der Luftreinhaltung in den vergangenen Jahren auf Morbidität und Mortalität ausgewirkt? Darüber wüsste man gerne genauer Bescheid. Schließlich ist die in Deutschland insgesamt gemessene NOx-Belastung seit 1990 um 60 Prozent gesunken.
Gesundheit ist in modernen Gesellschaften ein hohes Gut. Das war früher anders. Historisch gesehen stieg der Stellenwert der Gesundheit mit dem zunehmenden Wohlstand. Deshalb ist Gesundheit immer auch im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen Zielen wie Arbeitsplätze, Wohlstand und Mobilität zu sehen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Das funktioniert schon im gewöhnlichen Leben nicht.
Und erst recht nicht in einer Industriegesellschaft, die wir gottlob immer noch sind. „Genossen, lasst die Tassen im Schrank“ – mit diesen Worten appellierte einst Karl Schiller (Wirtschaftsminister der großen Koalition vor einem halben Jahrhundert) an seine Partei. Diese schickte sich gerade wieder einmal an, Wirtschaftspolitik moralisch aufzuladen.

Zu gern richtete man diesen Appell auch an die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Nur: Was sollte das bringen? Die DUH ist auf einem missionarischen Trip gegen den Verbrennungsmotor als solchem. Deshalb dürfte schon bald auch der Benziner auf die Klagebank gezerrt werden. Nämlich spätestens dann, wenn deutsche Hersteller das CO2-Ziel verfehlen, was angesichts des sinkenden Dieselanteils immer wahrscheinlicher wird.

Das alles ist nicht nur absurd, es ist vor allem hoch gefährlich für die Zukunft unserer Industrie – in Deutschland im Allgemeinen und im Saarland im Besonderen. Wen haben wir nicht schon alles außer Landes getrieben oder sonst wie zu verstehen gegeben, dass er hier unerwünscht ist. Atomenergie, Gentechnik und die fossile Kraftwerkswirtschaft sind nur die prominentesten Beispiele. Stahl? Ja, haben wir noch. Aber ab 2021 wird der Emissionsrechtehandel in der EU neu geordnet.
Das könnte für unsere Stahlindustrie haarig werden. Wenn wir jetzt auch noch den Dieselast absägten, dann wäre das ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Deindustrialisierung unseres Landes.
Der DUH ist dabei noch nicht einmal ein besonderer Vorwurf zu machen. Sie nutzt nur die Klaviatur der Gesetzgebung aus Verbandsklagerecht und überzogenen Grenzwerten. Wie abwegig der für den Straßenverkehr relevante Grenzwert ist, zeigt der Vergleich mit dem zulässigen Stickoxidwert für Arbeitsplätze. Dieser liegt mehr als das Zwanzigfache über dem Straßenwert. Und das, obwohl wir üblicherweise mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbringen als draußen an Verkehrsbrennpunkten. Deshalb wäre eine stringentere Normierung der Grenzwerte wünschenswert. Bis es soweit ist, sollten sie außer Kraft gesetzt werden. Ihr Zustandekommen ist unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ohnehin höchst fragwürdig.