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Klasse ist wichtiger als Masse - Gründungsförderung gezielt weiterentwickeln!

Von Volker Giersch
Standpunkt

01.03.2010

Im Saarland gibt es nach wie vor eine beträchtliche Unternehmerlücke. Nimmt man den durchschnittlichen Selbständigenanteil in Deutschland und rechnet ihn auf die Zahl der Erwerbstätigen im Saarland um, dann fehlen hierzulande rund 9.000 Unternehmer. Unterstellt man weiter, dass jeder Existenzgründer im Schnitt zwei weitere Arbeitsplätze schafft, dann hätten wir nach Schließung der Lücke 27 000 Arbeitsplätze mehr – also nahezu Vollbeschäftigung.

Solche Rechenexempel haben durchaus ihren Reiz. Sie dürfen aber nicht dazu verleiten, in der Gründungsförderung grundlegend umzusteuern und künftig vor allem auf Masse zu setzen. Bisher sind wir mit der Devise „Klasse vor Masse“ gut gefahren. Und es gibt viele gute Gründe, ihr auch künftig zu folgen.

Regionalwirtschaftlich gesehen sollte uns die rechnerische Unternehmerlücke weniger Sorgen machen als die nackten Zahlen vermuten lassen. Denn ihr steht keine entsprechende Arbeitsplatzlücke gegenüber. Je Einwohner gerechnet liegt die Zahl der Arbeitsplätze in unserem Land ziemlich genau im Bundesschnitt. Weniger Untenehmen und gleich viel Arbeitsplätze – das ist kein Widerspruch. Die Erklärung liegt auf der Hand: Hierzulande gibt es mehr große und weniger kleine Betriebe. In der Industrie etwa stellen große Produktionsstätten gut drei Viertel der Arbeitsplätze. Wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, sind wir damit bisher gut gefahren.

Natürlich gilt dennoch: Je mehr erfolgreiche Gründer, desto besser. Denn wir brauchen im Land zusätzliche Arbeitsplätze - insbesondere für höher Qualifizierte.

Strukturpolitische Impulse sind vor allem dann zu erwarten, wenn die neuen Unternehmen ihre Produkte oder Dienstleistungen ganz oder teilweise überregional absetzen. Klassisches Beispiel ist die Industrie. Aber auch Teilbereiche der Logistik, des Groß- und Außenhandels oder der Informations- und Kommunikationstechnologie gehören in diese Kategorie. Hier gibt es auf regionaler Ebene keine oder nur geringe Verdrängungseffekte. Die Unternehmen konkurrieren mit Anbietern aus aller Welt. Vor allem: Ihr Wachstum ist nicht durch die regionale Kaufkraft begrenzt.

Gewiss: Gründungen in diesen Bereichen sind rar. Auf das verarbeitende Gewerbe entfallen kaum mehr als ein Prozent der Gründungen – auch deshalb wohl, weil die Herausforderungen hier besonders groß sind: Der Kapitalbedarf ist hoch, die Konkurrenz ist groß, die Genehmigungsverfahren sind komplex, die Märkte verändern sich rasch, das Innovationstempo ist beträchtlich. Gründer haben auf diesen Märkten vor allem dann Chancen, wenn sie neue Produkte und Verfahren anbieten – so wie es die spin-offs aus dem Bereich der Hochschulen und Forschungsinstitute tun. Doch gerade hier zeigt sich: Das Potenzial an innovativen Gründern ist eng begrenzt. Das Ende 1995 eröffnete Starterzentrum der Saar-Uni hat kürzlich die 200. Gründung gefeiert. 200 Gründungen in 15 Jahren – das ist beachtlich. Es führt uns aber auch vor Augen: Mehr als 20 bis 30 Ausgründungen jährlich sind selbst bei intensiver Betreuung kaum zu erreichen. Ähnliche Größenordnungen ergeben sich, wenn man die Beteiligung am Businessplan-Wettbewerb „1,2,3 go“ oder die Anfragen bei den Business Angels als Maßstab wählt. Umso wichtiger ist es, das vorhandene Potenzial durch eine intensive und gezielte Gründungsförderung möglichst weitgehend auszuschöpfen.

SOG ist Erfolgsmodell
Das Instrumentarium der Gründungsförderung ist hierzulande breit gefächert. Unter dem gemeinsamen Dach der „Saarland Offensive für Gründer“ – kurz SOG – bringen sich viele Einrichtungen mit viel Engagement ein: das Wirtschaftsministerium als koordinierende Stelle, die Kammern, die Saarländische Investitionskreditbank (SIKB), die ZPT, die Arbeitsagenturen, die Wirtschaftsförderungsgesellschaften der Kreise – um nur die wichtigsten zu nennen. Das Leistungsspektrum und die Vernetzung zwischen diesen Einrichtungen ist von Jahr zu Jahr verbessert worden. Heute nehmen die Gründer die Angebote überwiegend als einen Full-Service aus einer Hand wahr. Aus Sicht unserer IHK ist die SOG ein Erfolgsmodell, das die Kompetenzen der beteiligten Partner wirksam nutzt und sie zu einem leistungsfähigen Gesamtangebot bündelt. Das ist die richtige Strategie für ein kleines und finanzschwaches Bundesland.

Übergeordnet geht es darum, Marktzugangsbarrieren so weit wie möglich abzubauen. Gründungen sorgen in allen Branchen für frischen Wind von unten und für mehr Wettbewerb. Sie bieten wagemutigen Menschen zudem die Chance, sich in der Selbständigkeit zu entfalten. Deshalb brauchen wir möglichst einfache, schlanke und schnelle Genehmigungsverfahren. Bundesweit, aber auch im Land, gibt es hier durchaus bereits Fortschritte. Dazu zählt etwa die Einrichtung des „Einheitlichen Ansprechpartners“ (EA), der seit einigen Wochen als zentrale Anlaufstelle für Dienstleister fungiert. Hierzulande hat sich die Politik ebenso wie in Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen für das „Kammermodell“ entschieden, das eine effiziente und kundenorientierte Betreuung der Unternehmen gewährleistet. Ein nahe liegender nächster Schritt wäre es, den Genehmigungsweg über den EA auch für die übrigen Branchen zu öffnen - für das verarbeitende Gewerbe etwa, für die Bauwirtschaft oder auch die Informations- und Kommunikationstechnik.

Wichtig ist es zudem, die Gründer durch Informations-, Beratungs- und Coachingangebote auf dem Weg in die Selbständigkeit zu unterstützen und ihnen den Zugang zu Finanzierungsmodellen, d. h. zu Krediten, Beteiligungen und Bürgschaften zu ebnen. Diese grundlegende Form der Unterstützung ist hierzulande seit vielen Jahren ein Basisangebot für alle Gründer. Hinzu kommt eine offensive Werbung für den Beruf „Unternehmer“ – durch Gründermessen und –wettbewerbe etwa oder durch Kampagnen und Veranstaltungen.

Chancen in Nischen
Kernelemente des SOG-Angebots sind die Beratung und das Coaching durch spezialisierte Fachleute, wobei Land und Bund Zuschüsse zu den Kosten gewähren. Für alle Themenfelder gilt: Erstberatung und Antragsberatung durch die ZPT, Spezialberatung durch externe Experten. Wenn es hierzu im Koalitionsvertrag der Jamaika-Regierung heißt, „die Beratung soll stärker als bisher durch professionelle Berater und Coaches erfolgen“, dann ist das eine längst gelebte Realität. Denn bereits jetzt werden in der Gründungsberatung ausschließlich erfahrene und fachlich kompetente Profis eingesetzt. In die richtige Richtung zielt dagegen die Ankündigung, die Zahl der bezuschussten Coaching-Tage deutlich zu erhöhen. Denn die Erfahrung zeigt, dass Gründer vielfach in den ersten Jahren nach dem Start scheitern. Das Coaching durch Experten oder aber Qualifizierungsangebote wie die IHK-Reihe „Fit für…“ sind da wichtige vorbeugende Maßnahmen.

Für innovative und technologieorientierte Gründer bietet SOG noch viel weitergehende Unterstützung: Beteiligungsangebote der Saarländischen Wagnisfinanzierungsgesellschaft (SWG), Patentinformation, Innovationsberatung, Beteiligung an Messe-Gemeinschaftsständen, Betreuung durch die Business Angels oder auch Zuschüsse der öffentlichen Hand zu den Kosten für die Entwicklung neuer Produkte.

Wer die Hilfen für Gründer in der Gesamtschau betrachtet, muss zu dem Ergebnis kommen: Viel mehr geht nicht. Es sei denn, man nimmt ausgewählte Zielgruppen besonders in den Fokus -   Personen mit Migrationshintergrund etwa oder Gründungen in der so genannten Kreativwirtschaft. In solchen Nischen sind durchaus noch nennenswerte Zuwächse erreichbar.

Für eine neue Kultur der Selbständigkeit
Stärkere Beachtung verdient insbesondere auch die Aufgabe, das Potenzial an Gründern schrittweise auszuweiten, das heißt, mehr Menschen zu motivieren und insbesondere auch zu befähigen, ein Unternehmen zu gründen. Das erfordert freilich viel Zeit und einen langen Atem. Denn es bedeutet im Kern, den Unternehmergeist nachhaltig zu stärken, mehr in Bildung zu investieren und bei jungen Menschen mehr Kreativität, Technologiebegeisterung und Risikobereitschaft zu wecken.

Hier im Land sind wir bereits auf einem guten Weg. Es gibt bereits zahlreiche Erfolg versprechende Initiativen – die Technikoffensive des Metallverbandes etwa, das Wirtschaftsquiz der Wirtschaftsjunioren, die Aktivitäten von ALWIS oder auch Unternehmensplanspiele. Man möchte sich allerdings wünschen, dass diese Angebote von den Schulen künftig stärker als bisher in Anspruch genommen werden. An den Schulen selbst wäre es wichtig, den Wirtschafts- und Technikunterricht schrittweise auszuweiten. Hier stimmt die Tendenz zwar. Aber es gibt noch viel Spielraum nach oben.

An einem mangelt es indes noch generell: an einem positiven Unternehmerbild in unserer Gesellschaft, das Gründern jene Akzeptanz verschafft, die sie verdienen. Und hier ist dann nicht nur die Politik gefordert, sondern zu einem guten Teil auch die Wirtschaft selbst.