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 Motiv: © fotogestoeber - Fotolia.com

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11.08.2016

Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Mittelschicht hält sich gut

Im Blickpunkt
Von Dr. Heino Klingen


Den Menschen in unserem Land geht es so gut wie nie. Trotzdem heißt es immer häufiger: Die Mittelschicht leidet und wird immer kleiner. Wie passt das zusammen?

Sie ist das wirtschaftliche Rückgrat, stiftet den ideellen Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaft und sorgt für politische Stabilität in unserem Land. So hieß es lange Zeit in den Lobreden auf die deutsche Mittelschicht. Doch inzwischen ist die Freude nicht mehr ungetrübt. Es mehren sich Zweifel, ob die gesellschaftliche Mitte die ihr zugedachte Last noch schultern kann. Das ist jedenfalls die Botschaft, die die Medien mit ihren Berichten über den vermeintlichen Bedeutungsverlust der Mittelschicht vermitteln. Sie leidet, sie schrumpft und fühlt sich von der Politik benachteiligt und allein gelassen – so heißt es mal mehr, mal weniger alarmistisch.

Ist dem so? Schrumpft die Mittelschicht wirklich? Und wer bildet eigentlich die Mittelschicht? Diese Fragen lassen sich nicht ohne weiteres beantworten. Denn es gibt keine einheitliche Definition, wer zur Mittelschicht gehört. Hierzu ließen sich unter anderem soziologische Kriterien wie Bildung, Qualifikation oder gesellschaftlicher Status verwenden. Das sind alles zweifellos wichtige Gesichtspunkte, die zur Charakterisierung der Mittelschicht heranzuziehen wären. Sie haben aber den Nachteil, dass sich ihr Stellenwert im Gefüge der gesellschaftlichen Schichtung im Zeitverlauf ändert. Man denke nur an den Prestigeverlust von Managern und Bankern nach der Finanzkrise 2008/09.

Ökonomen grenzen deshalb die gesellschaftlichen Schichten über das Einkommen ab. Dadurch lassen sich Verschiebungen im Zeitverlauf genau feststellen. Die Mittelschicht wird dabei mit Bezug auf das Medianeinkommen definiert, also jenem Einkommen, das die Gesellschaft in eine untere und eine obere Hälfte teilt. Wo die Grenzen unter- und oberhalb des Medians genau liegen, ist grundsätzlich frei wählbar, sie sollten aber mit Bedacht gezogen werden. Nach unten ist genügend Abstand zum Schwellenwert von 60 Prozent zu halten, dessen Unterschreiten laut EU-Kommission relative Einkommensarmut anzeigt. Und nach oben sollte sich die Grenzziehung an dem orientieren, was gemeinhin ein gutes Einkommen von einem Spitzenverdienst unterscheidet. Bewährt hat sich im Übrigen die fünfteilige Einkommensschichtung, wie sie etwa vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW verwandt wird und die im Folgendenzugrunde gelegt wird (vgl. Grafik: Breite Mittelschicht).

Auf– und Abstiege halten sich die Waage

Im Jahr 2013 verdienten genau 60 Prozent der Bundesbürger zwischen 67 und 200 Prozent des mittleren Einkommens von 53.400 Euro. Das sind alle Personen mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von rund 36.000 bis 107.000 Euro. In die untere Mitte und den niedrigsten Einkommensbereich fallen 27 Prozent; 13 Prozent gehören zu den Hoch- und Höchstverdienern.

Vergleicht man das Jahr 2013 (neuere Zahlen liegen nicht vor) mit der Zeit nach der Wiedervereinigung, dann lässt sich in der Tat ein Schrumpfen der Mittelschicht um sechs Prozentpunkte feststellen. Das hört sich zunächst dramatisch an. Bei näherer Betrachtung relativiert sich aber der Befund. Denn den Abstiegen stehen Aufstiege im gleichen Umfang gegenüber – jeweils drei Prozentpunkte. Der in der Öffentlichkeit vorherrschende Eindruck, wonach jeder Verkleinerung der Mittelschicht eine gleich große Zunahme der Unterschicht entspricht, ist also falsch.

Die Absetzbewegung aus der Mittelschicht nach unten lässt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Von den vielen Gründen dürfte sicherlich die schwache Wirtschaftsentwicklung in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende eine wichtige Rolle spielen. Die  Arbeitsmarktreformen der Schröder-Ära haben ab 2006 zwar zu einem respektablen Zuwachs an Beschäftigung geführt, dieser fand aber ganz überwiegend im unteren Lohnsegment statt. Hinzu kommt der fortschreitende strukturelle Wandel von der Industrie– zur Dienstleistungsgesellschaft, der sich nicht nur wegen der tendenziell geringeren Bezahlung im Dienstleistungsbereich negativ auf das Einkommensgefüge ausgewirkt haben dürfte, sondern auch aufgrund des hier deutlich höheren Anteils an Teilzeitbeschäftigung.

Zwei soziodemografische Trends haben ebenfalls zum Schrumpfen der Mitte beigetragen – die Singularisierung und die höhere Studierneigung. Denn sowohl Alleinlebende und Alleinerziehende als auch Studenten zählen ganz überwiegend zur Gruppe der Einkommensschwachen. Dass aktuell nur noch gut jeder Zweite der jungen Generation (18-30 Jahre) der Mitte angehört – vor 30 Jahren waren es noch rund 70 Prozent –, ist aber nicht nur der stetig gewachsenen Gruppe angehender Akademiker geschuldet, sondern auch dem generell längeren Schulbesuch und einem späteren Berufseintritt junger Menschen.

Job-Polarisierung durch Computerisierung

Ein weiterer Faktor für Verschiebungen zwischen den Einkommensgruppen ist der technologische Wandel. Die Computerisierung und Automatisierung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass vormalige Routinetätigkeiten heute unter Zuhilfenahme oder vollständig von informationstechnologischen Anlagen durchgeführt werden. Bezeichnenderweise sind dabei vor allem typische Mittelstandsberufe ausgedünnt beziehungsweise ersetzt worden, und zwar im gewerblichen wie im kaufmännischen Bereich.

Dagegen haben Nicht-Routinetätigkeiten, die kaum oder gar nicht programmierbar sind und von Maschinen ausgeführt werden können, an Bedeutung gewonnen. Dabei handelt es sich vor allem um Tätigkeiten, die auf den heutigen Stand der Technikabgestimmt sind, hohe kognitive Fähigkeiten voraussetzen sowie ein besonderes Maß an Selbstverantwortung und Eigeninitiative erfordern. In der Industrie sind es vor allem Ingenieure, Informatiker und Betriebswirte, die diese Eigenschaften mitbringen müssen. Ihre Aufgabe ist es, industrielle Prozesse zu digitalisieren und deren Produkt ein selbstverantwortlichen Teams zu vermarkten. Derartige Einheiten gibt es seit der Jahrtausendwende in immer mehr Betrieben. Ihr Anwachsen ist der Hauptgrund für die Aufwärtsbewegung aus der Mittelschicht.

Mittelschicht bleibt Stütze im Strukturwandel

Angesichts dieser vielschichtigen und disparaten Entwicklung ist es an der Zeit, dass wir das vielbeschworene und häufig zitierte Bild von der Mittelschicht revidieren. Denn das stammt noch aus der Nachkriegszeit, als die Arbeiterklasse verbürgerlichte und zu bescheidenem Wohlstand kam. Die steigende Flut hoher Wachstumsraten trug alle nach oben. Helmut Schelsky prägte für diese „Vermittelschichtung“ den Begriff der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“.

Heute ist es dagegen eher so, dass das kollektive Aufstiegsversprechen nicht mehr jeden mitnimmt und der strukturelle Wandel stärker als früher auf die Sozialstruktur durchschlägt. Eben weil das Aufstiegsvehikel Wachstum kraftloser geworden ist. Die damit einhergehenden Verschiebungen in den Einkommenspositionen rechtfertigen aber in keinster Weise das Gerede vom Aussterben der Mittelschicht. Das ist eine Marotte des politischen Feuilletons. Denn trotz der etwas schmaleren Mitte geht es den meisten Menschen in Deutschland so gut wie noch nie. Ihre Lebenszufriedenheit ist aktuell sogar noch gestiegen. Das zeigt der vom Freiburger Ökonomen Bernd Raffelhüschen entwickelte und von der Deutschen Post herausgegebene Glücksatlas 2015.

Unter dem Strich bleibt deshalb festzuhalten: Ja, die Mittelschicht ist schlanker geworden. Aber sie ist quicklebendig und die Hauptstütze im strukturellen Wandel. Damit sie dieser Rolle auch künftig gerecht werden kann, müssen die Anreize zur Leistungserbringung verbessert werden. Denn immer größere Teile der Mittelschicht zahlen heute auf ihr Bruttoeinkommen den Spitzensteuersatz, der eigentlich nur Topverdiener treffen sollte. Zudem gilt es, die Menschen unter dem Stichwort „lebenslanges Lernen“ zu Bildungs- und Qualifizierungsanstrengungen zu bewegen. Das ist nicht nur eine Antwort auf die digitale Herausforderung, sondern auch ein Mitnehmen der Verunsicherten. Gut möglich, dass damit auch die Verschlankung des Mittelstands gestoppt werden kann.